Ein besonderer Mittwoch an der Gewerbeschule 7

On 29. Januar 2016

Mittwoch ist Schuh-Tag an der G 7. Der 20. Januar war ein besonderer. Ganz im Sinne des fachlichen Austausches, des Blickes über den Tellerrand, hatten die Lehrlinge des Schuhmacherhandwerks interessanten Besuch. Der umtriebige Schäftebauer Hartmut Seidich und seine Frau Tanja hatten trotz widriger Witterungsverhältnisse den Weg von Herne im Ruhrgebiet an die Elbe nicht gescheut, um ihrem interessierten Publikum Einblicke in die Schuhgeschichte und den Schäftebau zu geben. Gastgeber Florian Hillert, der Gewerbelehrer der Schuhmacher, begrüßte die Gäste und im Publikum neben seinen Schülerinnen und Schülern den Obermeister der Innung, Martin Bartold, seine ehemaligen Kollegen Jörg Trabert und Rudolf Weißhuhn, sowie drei engagierte Gesellinnen und Gesellen, Julia Heyns, Hanna Selig und Lucas Bertram. Soviel vorweg: Diesen Vormittag wird keiner der Anwesenden so schnell vergessen.

Zur Vorgeschichte: Schon vor einiger Zeit hatte sich ein fachlicher Austausch via Telefon und E-Mail zwischen Betrieb und Schule entwickelt, der seinen bisherigen Höhepunkt darin fand, als Herr Seidich die Türen zu seinem Betrieb öffnete, um den Hamburger Schuhmacherlehrlingen im Rahmen ihrer obligatorischen Studienfahrt die Besichtigung zu ermöglichen. So gesehen war dieses ein Gegenbesuch.

Seidichs Leidenschaft für Schuhe im Allgemeinen und Schäfte im Besonderen und deren geschichtlichen Hintergrund spricht aus jedem seiner Worte. Seinem mit eindrucksvollen Bildern illustrierten Vortrag könnte man stundenlang lauschen.

Er legt dar, dass ein in den Alpen ermordeter Feuersteinhändler schon richtig gefertigte Schuhe trug – sein posthum verliehener Name: Ötzi. Das haben Calceologen herausgefunden. Dass man unter Calceologie die Forschungsrichtung versteht, die sich wissenschaftlich mit Schuhartefakten befasst, wäre gewiss eine gute Frage für „Wer wird Millionär?“ Herr Seidich schildert kenntnisreich und sorgfältig recherchiert, warum der Farbstoff Purpur in der Antike den Imperatoren und im Mittelalter den Päpsten vorbehalten war: Dieser war – und ist – eines der teuersten Pigmente überhaupt; zig-tausend Purpurschnecken mussten für ein Gramm ihr Leben lassen. Heute wird ein Gramm für 2000 € gehandelt. Das päpstliche Privileg wurde übrigens erst vor 2 Jahren abgeschafft. Papst Franziskus trägt Dockers.

Sehr eindrucksvoll sind die seltenen Exponate des besessenen Sammlers Seidich. Kaum wiederholen wird sich die Chance, Militärstiefel in den Händen zu halten, deren Träger in zwei Weltkriegen leiden mussten und zu deren enormem Gewicht in geringem Maße auch die noch im dicken Obermaterial steckenden Bleikugeln beitragen.

Bei Hartmut Seidich hat man stets den Eindruck, er könnte noch viel mehr beitragen, und so hat er in weiser Voraussicht viel Hintergrundwissen auf Schaubildern und Texten mitgebracht, die im Fachraum auf einer Lerninsel ausgelegt wurden. Dass die auf diese Weise beschenkten Zuhörer sich auch in der Pause noch hier hinein vertieften, zeigt eindrucksvoll, wie sehr ihr Interesse geweckt worden war.

Dann begann der Workshop-Teil. Nach einer kurzen Abhandlung über die verschiedenen Herangehensweisen bei der Erstellung eines Schaftentwurfs – Winkelsystem oder Leistenkopie – ging es an die Arbeit: Auf Basis mitgebrachter Kammleisten wurden rasch Kopien der Leistenoberfläche erstellt. Schnell konnten auch die Teilnehmer, die damit noch nicht in Berührung gekommen waren, begreifen, worauf diese Arbeit hinausläuft. Dass es nötig sein wird, diese Arbeit später im Unterricht fortzusetzen, wirft ein Licht auf den Umstand, dass es viel zu schnell 15:00 geworden und die Zeit wie im Fluge vergangen war.

Bei einem gemeinsamen nachmittäglichen Essen ließen die Eheleute Seidich, der Obermeister und die Lehrer den Tag ausklingen.

Schließlich verabschiedeten sich die Herner Schäftebauer und die Gastgeber auf dem Hof der Hamburger Gewerbeschule mit: „Bis bald in England“ – denn dort in Alcester, Warwickshire, gibt es auf der 18th Independent Shoemakers Conference im Februar ein baldiges Wiedersehen. Ganz im Sinne des Blickes über den Tellerrand.

Comments are closed.